Halbblut im Timeout: die HA-1112

HA1112 1 

Das letzte Baulos der „109“: die spanische HA-1112, hier im Maßstab 1/72 von Classic Planes.

 

Vom Original zum Modell

Ein eigenständiger Teil der Sammlungen des Luftfahrtmuseums Hannover-Laatzen sind die rund 1.000 Maßstabsmodelle, vornehmlich der internationalen Standards 1/72 und 1/48.

Solche originalgetreuen Miniaturen ermöglichen Betrachtern musealer Technikgeschichte den „Überblick“, nicht allein auf das einzelne Exponat (mitunter sogar als einzige Möglichkeit der dreidimensionalen Schau, wenn es kein erhaltenes Original mehr gibt), sondern auch auf Entwicklungslinien des Flugzeugbaus durch hier mögliche Reihung und Gegenüberstellung; manchmal schließen sie sogar Lücken in der Präsentation der Originale. Ihre kunsthandwerkliche Qualität allein ist ein Schauvergnügen.

Heute stellen wir Ihnen als „Modell des Monats“ im Maßstab 1/72 die HA-1112 vor. In der Vitrine 88 in Hangar 2 des Museums steht dieser Typ in den Farben der spanischen Luftwaffe unter den anderen weltweit gebauten und geflogenen Flugzeugmustern, die alle eins gemeinsam haben: mindestens ein deutsches „Elternteil“... Und in diesem Fall darf man sogar mit allem Respekt von einem charmanten Dreiecksverhältnis sprechen. Neugierig geworden?

 

Vorne Spitfire, ringsum Messerschmitt. Hochzeit in Spanien….

Das Modell:                            HA-1112 M1L (Modellbaustudio Rhein-Ruhr, 1/72)

Engagiert, mit Liebe zum Detail und in seiner Zeit solide gearbeitet: das ist der Kleinserienbausatz der Hispano Aviación HA-1112 „Buchón“, vertrieben Ende der neunziger Jahre vom Modellbaustudio Rhein-Ruhr in Essen. Wohl braucht es etwas Erfahrung und Geschick für ein optimales Ergebnis, aber der Kit ist dieser Mühe allemal wert. Die zweiteilige Faltschachtel zeigt zwei mögliche Ausführungen des Bausatzes, zu welchen der daneben eingeforderte „ernsthafte Modellbauer“ die Wahl hat.

HA1112 1 

Eingerahmt von Grenzschichtzäunen ragen die 20mm MK vorn weit aus den Flächen.

 

Das Original:                         HA-1112 Buchón                   

1943, die Wende des 2. Weltkrieges ist erfolgt – die Achsenmächte haben ihre größte Machtausdehnung bereits eingebüßt und sind auf dem Weg in die Niederlage.

Spanien balanciert gewagt zwischen politischer Anlehnung an Deutschland und Italien einerseits und einer sorgsam gewahrten Neutralität andererseits. Rüstungsgüter bekommt das Franco-Regime jedoch nur von den Achsenmächten. Und so fällt die Wahl für ein neues Jagdflugzeug, welches die inzwischen obsoleten Typen aus dem Bürgerkrieg ersetzen kann, auf den deutschen Standardjäger Messerschmitt Me Bf 109 in seiner neuesten Baureihe G.

Aber Deutschland braucht jetzt jede Schraube selbst. 25 Exemplare der 109 G-2, teilmontiert, ohne Armierung und ohne das Herzstück, den Daimler-Benz DB 605A, ist alles, was Spanien 1943 erhält. Selbst die Blaupausen und Fertigungspläne zu diesen Maschinen, die als Muster für die geplante Lizenzfertigung durch die Hispano Aviación gedacht waren, sind unvollständig. Und mit weiterem ist nicht mehr zu rechnen, Spanien steht mit einem halben Flugzeugtyp da…

Der erste Versuch aus diesem Dilemma sieht recht passabel aus: die Zelle wird mit dem 12-Zylinder Hispano-Suiza Reihenmotor kombiniert – der passt in die Motoraufhängung, liefert aber deutlich weniger Leistung. So kann die optisch ansprechende „HA-1109 K1L“ technisch nicht überzeugen. Immerhin 65 Stück werden gebaut und statten die spanische Luftwaffe mit einem zu dieser Zeit modernen Jagd- und Tiefangriffsflugzeug aus, welches im Lande gefertigt wird. In der Bewaffnung ersetzen 12,7mm-Breda-Maschinengewehre in und 80mm-Raketen auf 2x4 Schienen unter den Flächen die deutsche Kombination aus Maschinengewehren und -kanone.

Timeout

Dann geht im Frühling 1945 der Weltkrieg in Europa mit der totalen Niederlage Deutschlands zu Ende – und Spanien tut gut daran, sich auch und insbesondere militärisch unauffällig zu verhalten. Der gebotene Ersatz für die inzwischen HA-1112 K1L genannte 1109 wird vertagt: Jagdflugzeug im Timeout… Die Siegermächte ringsum rüsten in der Folge und nach Auswertung der führenden deutschen Technologie auf Strahlflugzeuge um, Spanien sieht seine Chance in der „2. Liga“: der leistungsstarke Rolls Royce Merlin-Reihenflugmotor ist nun von Großbritannien zu erwerben und könnte in Kombination mit den deutsch-spanischen Flugzeugzellen die Jahre bis zur Einführung von Jets überbrücken.

Halbblut

Doch läuft zum einen das Geschäftliche etwas schleppend an, zum anderen macht diese technische Mischehe erhebliche Anpassungen an der Flugzeugzelle nötig: Der Merlin ist voluminöser und mit seinen stehenden Zylindern anders aufgebaut als der Daimler-Benz. Der gesamte Bug der Maschine muss neu konstruiert werden, Schwerpunkte und Balance verändern sich… Hinzu kommt, dass dieser Motor keine Bugbewaffnung zulässt; zwei 20mm-MKs heimischer Produktion werden in die 109-Tragfläche integriert, welche in der G-Version aerodynamisch optimiert und nicht für den Waffeneinbau vorgesehen war. Der Kinnkühler gibt diesem neuen HA-1112 M1L genannten Halbblut seinen Spitznamen: Buchón, eine Taubenart mit ausgeprägtem Kropf. Inzwischen schreibt man das Jahr 1954, und während die technologisch führenden Nationen die zweite, ja dritte Jet-Generation einfliegen und sich der Schallgrenze nähern, erprobt Spanien ein Flugzeug aus zwei über zehn Jahre alten Komponenten, das mit Kolbenmotor und Vierblattluftschraube 660 km/h und damit gut halb so schnell fliegt wie die internationale Konkurrenz. Aber es fliegt, ist im Lande zu bauen und wirtschaftlich zu betreiben. 172 Exemplare werden ab 1955 an die spanische Luftwaffe ausgeliefert und stehen dort ab 1956 als „C-4“ im Truppendienst.  

Geschichte und Geschichten

Damit ist dieser „Vetter“ der Messerschmitt 109 das weltweit letzte Baulos des mit knapp 34.000 Stück meistgefertigten und nach Luftsiegen erfolgreichsten Kolbenmotorjägers. Als die letzten spanischen Exemplare nach Erdkampf-Einsätzen gegen die Unabhängigkeitsbewegung in der spanischen Sahara zum Jahresende 1965 außer Dienst gestellt werden, gehen die „Pensionäre“ zum Film: Da flugfähige Original-109 überaus rar sind, doubeln einige halbwegs zurückgebaute HA-1112 diese beispielsweise im cineastischen Epos „Luftschlacht um England“ – jedoch noch motorisiert vom Merlin, der einst die britischen Gegner der deutschen Jäger antrieb: Hurricanes und Spitfires…

Konnten wir Sie neugierig machen? Dann würden wir uns über Ihren Besuch in der Ulmer Straße gegenüber dem hannoverschen Messegelände freuen!                                                   

sb

HA1112 1 
1965 enden mit der HA-1112 insgesamt fast 30 Jahre Truppendienst aller Versionen der Me Bf 109. Im Bild von links eine rumänische E-3, eine G-2 der Luftwaffe und unsere spanische „Buchón“.

KontaktzumMuseum3