Buch des Monats Juli 2026
Horst Lommel
Vom Höhenaufklärer bis zum Raumgleiter 1935 bis 1945
Nach dem „Natter-Hammer“ desselben Autors nahm ich mir – angefixt von der Geschichte um die Bachem Ba 349 – gleich das ebenfalls im Motorbuch Verlag erschienene Buch über die Geheimprojekte der DFS vor.
Und ich habe es nicht bereut. Das Werk schließt inhaltlich fast nahtlos an den erstgenannten Titel an. Auch hier wird über die bemannte Rakete berichtet, diesmal jedoch aus der Sicht der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug e.V. (DFS). Diese war vom Reichsluftfahrtministerium unter anderem mit der Tragschlepp-Erprobung der „Natter“ unter einer He 111 beauftragt worden. Zustande kam diese Zusammenarbeit laut Lommel über die Kontakte zwischen Erich Bachem und Wernher von Braun im Zusammenhang mit der Flugabwehrrakete „Wasserfall“.
Ich staunte einmal mehr über die technischen und historischen Detailkenntnisse des Autors.
Zu Beginn beschreibt Lommel die Entstehung der DFS mit ihren Rhön-Wurzeln. Bereits hier begegnet man Namen, die Luftfahrtgeschichte geschrieben haben. Beschäftigte sich die DFS zunächst ausschließlich mit dem Segelflug, änderte sich dies ab 1933 grundlegend. Schon früh war sie in die
Entwicklung von Lastenseglern eingebunden. Ursprünglich als ziviles Projekt gedacht – man wollte den Passagierverkehr flexibler gestalten – entwickelte sich daraus später zunächst eine Geheimwaffe und schließlich ein militärisches Transportmittel, dessen Möglichkeiten auch die Alliierten rasch erkannten.
Im Kapitel „Systemerprobungen“ findet sich dann eine Sammlung der wohl verrücktesten Ideen und ungewöhnlichsten Konstruktionen jener Zeit.
Das Kapitel „Fluggeräteerprobung“ widmet sich den Flugzeugentwicklungen der DFS selbst. Erwähnt sei hier die DFS 194 – ein Deltaflügler mit Raketenantrieb und unmittelbarer Vorläufer der Me 163, des berühmten „Krafteis“.
Dem Höhenfernaufklärer DFS 228 ist das Kapitel „Unternehmen Narwal“ gewidmet. Das Flugzeug war seiner Zeit erstaunlich weit voraus und erscheint heute fast wie ein Vorläufer der späteren U-2. Besonders gelungen finde ich, dass dieses Kapitel durch die Vorstellung zweier Modellbausätze ergänzt wird.
Und dann folgt gleich der nächste „Kracher“: das Überschallflugzeug DFS 346. Irgendwie waren hierTechniker am Werk, für die man eine neue Berufsbezeichnung erfinden müsste. Ich schlage „Visiogineure“ vor – visionäre Ingenieure. Im Jahr 1944 ein Flugzeug für Geschwindigkeiten von über
2.000 km/h zu entwerfen, war schon eine außergewöhnliche Vorstellung. Was bis Kriegsende erforscht worden war, landete schließlich bei Väterchen Stalin, wo an den Konzepten weitergearbeitet wurde. Auch dieses Kapitel wird durch eine Modellbauvorstellung ergänzt.
Dass in den letzten Kriegsjahren bei der DFS sogar über Selbstopferflugzeuge nachgedacht und geforscht wurde, zeigt die Me 328, an deren Entwicklung die DFS erheblichen Anteil hatte. Das Thema wird ausführlich behandelt. Und wenn man liest, dass selbst Hanna Reitsch zu den überzeugten Befürwortern dieses Gedankens gehörte, kann man heute eigentlich nur den Kopf schütteln.
Es folgt das Kapitel über die Bachem Ba 349 „Natter“, das den Stoff des ersten Lommel-Buches aus der Sicht der DFS sinnvoll ergänzt. Auch dieses Kapitel ist in jedem Fall lesenswert.
Das Kapitel über den asymmetrischen Aufklärer Bv 141 hätte man aus meiner Sicht allerdings weglassen können. Die Maschine war kein Geheimprojekt im eigentlichen Sinne, und die Beteiligung der DFS an
der Flugerprobung eher eine Randnotiz. Außerdem ist Flugzeugtyp und Technik bereits in zahlreichen anderen Veröffentlichungen ausführlich beschrieben.
Ähnliches gilt zunächst für die Arado Ar 234. Mit dem Schleppgerät SG 5041 erhält das Kapitel dann allerdings wieder eine interessante zusätzliche Facette.
Danach bewegt sich das Buch fast in Richtung Science-Fiction – zumindest wenn man die damaligen technischen Möglichkeiten betrachtet. Im Mittelpunkt stehen Professor Eugen Sänger und seine Ehefrau Dr.-Ing. Irene Bredt, für mich beides Visiogineure. Dass in ihrem Umfeld bereits Konzepte für einen Antipoden-Ferngleiter beziehungsweise einen Raketen-Ferntransporter mit Geschwindigkeiten bis über 20.000 km/h und Reichweiten von rund 20.000 Kilometern entstanden, lässt einen auch heute noch staunen. Inzwischen kennen wir Space Shuttles und moderne Raumfahrttechnik – damals waren solche Überlegungen jedoch nahezu utopisch.
Eigentlich könnte man meinen, damit sei der Gipfel der technischen Fantasie erreicht. Doch dann folgen noch der Focke-Wulf-Triebflügel und zahlreiche weitere Projekte, die den Begriff „visionär“ fast neu definieren.
Ich will an dieser Stelle aber nicht noch mehr verraten. Das, was ich hier beschrieben habe, sollte eigentlich schon Grund genug sein, sich dieses außergewöhnliche Werk einmal genauer anzusehen.
Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung: Horst Lommel verfügt ohne Zweifel über ein enormes technisches Wissen und versteht es ausgezeichnet, seine Themen spannend aufzubereiten. Im Vorwort schimmert allerdings stellenweise eine sehr weitgehende Begeisterung für die Innovationskraft deutscher Luftfahrtentwicklungen durch. Manche Einschätzungen – etwa zur Horten Ho 229 als angeblichem Vorläufer moderner Stealth-Technologie – erscheinen aus heutiger Sicht etwas großzügig interpretiert. Das schmälert den hohen Informationswert des Buches jedoch kaum, sollte vom Leser aber mit einer gewissen historischen Einordnung betrachtet werden.
Mir jedenfalls hat dieses Buch eine Menge gebracht.
Viel Spaß – und viele neue Erkenntnisse – bei der Lektüre!
Mehr darüber gibt es hier.
buchpilot24
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