Andere Prioritäten…

Die Heinkel He 178 V-1

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Heinkel He 178, das erste Düsenflugzeug der Welt, hier im Maßstab 1/72 von Condor/ MPM.

Vom Original zum Modell

Ein eigenständiger Teil der Sammlungen des Luftfahrtmuseums Hannover-Laatzen sind die über 1.000 Maßstabsmodelle, vornehmlich der internationalen Standards 1/72 und 1/48.

Solche originalgetreuen Miniaturen ermöglichen Betrachtern musealer Technikgeschichte den „Überblick“, nicht allein auf das einzelne Exponat (mitunter sogar als einzige Möglichkeit der dreidimensionalen Schau, wenn es kein erhaltenes Original mehr gibt), sondern auch auf Entwicklungslinien des Flugzeugbaus durch hier mögliche Reihung und Gegenüberstellung; manchmal schließen sie sogar Lücken in der Präsentation der Originale. Ihre kunsthandwerkliche Qualität allein ist ein Schauvergnügen.

In unserer Reihe ´Modell des Monats´ stellen wir Ihnen dieses Mal die Heinkel He 178 V-1 vor, den ersten Jet der Luftfahrtgeschichte.

Das Original wurde bei alliierten Luftangriffen auf Berlin 1943 zerstört, das Luftfahrtmuseum zeigt ein von seinem langjährigen Maßstabsmodell- und Dioramenerbauer Siegfried Fricke in 1/72 gefertigtes Exemplar in einer Vitrine der Halle 2.

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Nur 7,20 m betrug die Spannweite des kleinen Schulterdeckers im Original.

 

Das Modell:                Der Heinkel-Jet in 1/72

Vom tschechischen Hersteller Condor/ MPM in 36 Bauteilen sehr schöner Qualität inklusive Photoätzteilen Mitte der 1990er Jahre herausgebracht, ist der Kit auch aufgrund der historischen Bedeutung seines Vorbildes ein Schmuckstück jeder Sammlung.

Das Original:              Platzrunden für die Ewigkeit

Ernst Udet, Generalluftzeugmeister der zweiten deutschen Luftwaffe, zuvor erfolgreichster überlebender Jagdflieger des ersten Weltkrieges, selbst Flugzeugkonstrukteur und weltweit bekannter Kunstflieger, fand nicht bemerkenswert aufregend, was ihm Ernst Heinkel am recht frühen Morgen des 27. August 1939 am Telefon begeistert mitteilte: dessen Team habe gerade das erste turbinenluftstrahlgetriebene Flugzeug der Welt in die Luft gebracht.

Eine nachvollziehbare Fehleinschätzung Udets, denn dass dieser Start ins Jetzeitalter der Anfang der Luftfahrt wie wir sie heute kennen, war, ahnte damals kaum jemand auf der Welt. Überschall- und schließlich Hyperschallflüge, vom modernen Weltluftverkehr bis zur globalen Militärstrategie: all dies begann mit einem kleinen, 7,48 m kurzen und einsitzigen Schulterdecker aus Holz und Stahl mit einem Düsentriebwerk im Rumpf, den Heinkel-Chefpilot Erich Warsitz an diesem Tag zweimal über den Werksflugplatz in Rostock-Marienehe gesteuert hatte.

Der Konstrukteur des Turbinenluftstrahl-Triebwerks war der Physiker Dr. Hans-J. Pabst von Ohain und sein Assistent Max Hahn, welche Heinkel 1936 engagiert hatte. Dieses HE S 3b entwickelte mit Benzin betrieben rund 500 kp Schub, welcher die He 178 bei deren Startmasse von 1.998 kg auf 700 km/h beschleunigen konnte.

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Die He 178 absolvierte alle ihre Flüge mit ausgefahrenen Rädern und abgedeckten Fahrwerkschächten.

Andere Prioritäten

Es folgten eine Handvoll erfolgreicher Erprobungsflüge, die jedoch nie das Blickfeld der Heinkel Flugzeugwerke verließen, bevor das Projekt mangels offiziellen Interesses eingestellt wurde. Der Krieg hatte begonnen und verlangte auf allen Seiten fronttaugliches und produktionsreifes Gerät, keine Visionen.

Udet als Chef des Technischen Amtes der Luftwaffe sah diesen Weltrekord am Vorabend des Krieges, wie schon den nur zwei Monate zuvor mit der He 176 erfolgten Erstflug eines Raketenflugzeuges der Heinkel-Werke, mehr als technische Spielerei und gefällige, aber brotlose Kunst an denn als brauchbaren Beitrag zur Militär- (oder auch Zivil-)Luftfahrt. Zumal er selbst 14 Monate zuvor auf dem Prototyp des Propellerjägers He 100 A mit 635 km/h einen Geschwindigkeitsrekord für Landflugzeuge erflogen hatte. Solche Flugzeuge erprobter Technologie waren sicher und genügten den Ansprüchen des kommenden Krieges, dies die dominante Auffassung im Reichsluftfahrtministerium. Um Düsenflugzeuge wollte man sich nach dem Sieg kümmern. Ein doppelter Irrtum: Deutschland baute nach den ersten auch die besten Jets noch im Krieg, diese flogen jedoch geradewegs in die Kapitulation…

Ihrer Zeit voraus

Ernst Heinkel, der kein Sympathisant des Nationalsozialismus, als Konstrukteur von Zivil- wie Militärflugzeugen mit Weltruf jedoch auch Hauptlieferant von Rüstungsgut für die Wehrmacht geworden war, verfolgte mit dem Projekt „He 176 und 178“ tatsächlich zunächst einmal rein wissenschaftliche Ziele. Es ging um die Steigerung der Fluggeschwindigkeit bei zugleich deutlich verbessertem Masse/Leistungs-Verhältnis der Motoren; dies war nur mit neuen Antrieben möglich, dem Raketen- und vor allem dem Turbinenluftstrahltriebwerk.

Doch waren die hier gewonnenen Erkenntnisse ihrer Zeit voraus und natürlich auch militärisch wegweisend – rund drei Jahre später flogen mit dem „Turbo“ Messerschmitt Me 262 das leistungsstärkste Jagdflugzeug des zweiten Weltkrieges, mit der Arado Ar 234 der erste Düsenfernaufklärer und -bomber, mit dem Raketenjäger Me 163 das schnellste Flugzeug der Welt, und Briten wie US-Amerikaner arbeiteten fieberhaft daran, den deutschen Vorsprung bei den „Jets“ zu egalisieren. Was ihnen – wie auch der Sowjetunion – erst in Folge der deutschen Niederlage gelang. Allerdings kümmerten sich die Sieger mit dieser neuen Technologie nach dem Interkontinentalbomber dann auch noch um den Weltluftverkehr, während den Deutschen bis 1951 nicht einmal mehr das Segelfliegen erlaubt war.              

Konnten wir Sie neugierig machen? Dann würden wir uns über Ihren Besuch des Luftfahrtmuseums in der Ulmer Straße gegenüber dem hannoverschen Messegelände freuen!

sb

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Eins von Hunderten faszinierender Modelle, welche das Luftfahrtmuseum und dessen Besucher dem unvergessenen Siegfried Fricke verdanken.

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er Bauplan des tschechischen Kits aus den 1990er Jahren.